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Grundlagen christlicher Ethik

 

 

1. Allgemeine Hinweise zur Ethik

Der Mensch kann

  • urteilen, entscheiden, werten.
  • in Konfliktsituationen verantwortungsvoll handeln.
  • in Auseinandersetzungen Werte argumentativ einbringen.

Christliche Ethik hat es wie jede Ethik mit der individuellen Lebensführung zu tun und der Gestaltung der Gesellschaft.

Sie ist die Reflexion eines im Sinne des christlichen Glaubens geführten Lebens und bietet Maßstäbe für ein gutes/gelingendes Leben: als Individuum und als soziales Wesen.

Christliche Ethik hat es nicht mit gesetzlichem Leben zu tun, sondern mit selbst-verantwortetem Leben auf der Basis der in der Bibel dargelegten Gesetze mit Hilfe des Geistes Gottes.

 

 

2. Das christliche Menschenbild

Der Mensch ist vor Gott (coram Deo) ein Sünder – und: Der Mensch erkennt sich als Sünder – durch das Gesetz Gottes (Röm 7) und durch das ihm von Gott geschenkte Gewissen, denn er ist auf Gott hin geschaffen. Durch das Gewissen erkennt er sich als einen, der nicht immer in der Lage ist, gottgemäß, das heißt, sich selbst und anderen Menschen gegenüber angemessen zu handeln. Weil er sich aber als einen erkennen kann, der falsch handelt, ist in ihm auch der Keim des Guten vorhanden. Er kann das Gute in Bezug auf andere Menschen nur ansatzweise realisieren, aber nie vollkommen. „Ansatzweise“ insofern, weil niemand die wahren Beweggründe des Handelns kennt, die langfristigen Folgen ebenso nicht usw. (Ist die Handlung gut – aber der Beweggrund schlecht? Ist die Handlung gut – aber die Folge schlecht?) Das Idealbild ist: Der Mensch ist so, wie er handelt – handelt so, wie er ist; und: Er handelt in Einklang mit Gott (Mt 5,48: Seid vollkommen, wie der himmlische Vater vollkommen ist). Das überfordert ihn als Sünder. Darüber hinaus ist er eingebunden in strukturelle Sünde (Sünde einer Gruppe, in die das Individuum eingebunden ist, und das nichts dagegen tun kann, häufig auch gar nicht bemerkt: z.B. wirtschaftliche Ungerechtigkeiten).

Es ist deutlich, dass christliche Gruppen auch unterschiedliche ethische Schwerpunkte setzen können (z.B. intensivere Betonung des Gesetzes, der Bestrafung durch Gott; Einsiedler haben andere Schwerpunkte als Christen im sozialen Miteinander, usw.).

 

 

3. Gott setzt Verhaltensmaßstäbe

Indikativ und Imperativ:

Gott liebt den Menschen (Indikativ) – der Mensch reagiert mit Liebe zu Gott und Mensch. Diese entsprechende Reaktion wird auch erwartet (Imperativ). (Das bedeutet: Nicht das gesetzliche Handeln steht im Vordergrund, auch nicht der Gehorsam gegenüber göttlichen Geboten, sondern: Wer sich von Gott angenommen und geliebt weiß, hat den Drang, andere anzunehmen und diese Liebe weiterzugeben. Die Seligpreisungen gehen in Matthäus 5-7 den Forderungen/Antithesen voran. Den alttestamentlichen geboten geht die Befreiung aus der Sklaverei voran.)

 

Gottes Liebe ist sichtbar in:

  • Gottes Wirken in / durch Jesus Christus (Zuwendung: Heilungen, Worte – Gleichnisse…, Leben + Sterben zeigen Gottes Liebe).
  • Schöpfung: Gott schuf den Menschen nach seinem Bild; entsprechend hat jeder Mensch von Gott Würde bekommen (1. Buch Mose / Genesis 1).
  • Gott gibt den Menschen mit den 10 Geboten (Dekalog; (5. Mose / Deuteronomium 5) und mit dem Doppelgebot der Liebe (Liebe Gott und den Nächsten: Mt 22,37ff.) Maßstäbe.
  • Botschaft der Bergpredigt (Matthäus 5-7) + Gleichnisse: Auch in ihnen zeigt er seine Fürsorge und sein Zutrauen zu uns Menschen: Es kommt nicht allein auf das äußere Tun an, sondern darauf, sich von Gott erneuern zu lassen.
  • „Gottes Reich“ ist das „Höchste Gut(e)“ (summum bonum: höchster handlungsleitender Wert): Das kommende Reich Gottes als Ausdruck der Liebe Gottes wird zum Handlungsmuster: In Freiheit dem anderen Menschen dienen.
  • Neben diesen zentralen Themen/Texten liegen im Alten Testament konkrete Aufforderungen vor, in denen Gottes Maßstab durch Propheten verdeutlicht wird, im Neuen Testament liegen Texte vor, in denen Nachfolger Jesu Gottes konkrete Anweisungen weitergeben.

 

Folge der Liebe Gottes:

  • Glaubende sind frei von Menschen und deren Gesetzen – allein gebunden an Gottes liebenden Willen durch den Heiligen Geist (Augustinus: Liebe – und tue was du willst).
  • Glaubende müssen nicht auf sich selbst achten – sind allerdings so frei, auch sich selbst zu lieben (Liebe deinen Nächsten wie dich selbst: 3. Buch Mose / Levitikus 19,18 + Mt 22,39).
  • Sie können mutig und verantwortungsvoll handeln, weil sie bei falschen Entscheidungen weder Gottes Strafe fürchten müssen noch den Tod und die Sünde. (Freilich: Als Handlungskorrektiv scheint mancher Mensch – auch Christ – die Warnung zu benötigen.)
  • Das Wirken des Geistes führt zur Gemeinschaft (Gemeinde) – das heißt zur Argumentation in ethischen Fragen auf der oben genannten Basis (Jesus, Paulus).
  • Im Laufe der Kirchengeschichte wurden Menschen als Vorbilder für das Verhalten hervorgehoben (traditionell gesprochen: Heilige) – oder es wurden (mit Hilfe des neutestamentlichen Maßstabs) relevante Formulierungen (z.B. „Barmer Theologische Erklärung“) bzw. Entscheidungen in den ethischen Argumentationsprozess mit einbezogen. Das heißt: Auch ethische Erfahrungen der Vergangenheit werden durch die Gegenwart rezipiert, Zeitgeist kann für Christen, die auch über die Jahrhunderte hinweg gemeindegebunden sind, nicht der alleinige Maßstab sein.
  • Weil Glaubende frei sind von Höllenangst oder dem Streben ins Reich Gottes zu kommen, weil sie schon von Gott angenommen worden sind (Rechtfertigung), ist ihr Verhalten im Sinne Jesu nicht von ihrem künftigen Ergehen abhängig (wie z.B. beim Buddhismus: erreichen des Nirwana, Islam: gelangen ins Paradies), sondern vom notleidenden Menschen (Barmherziger Samariter: Lukas 10,25ff.): Diakonie.
  • Liebesethik zählt: Liebe Gott und deinen Nächsten, liebe deinen Feind usw. Liebe bedeutet: aktive Hinwendung zu dem anderen, um ihm zu helfen (aus Mitleid: Mt 25,31ff.), so wie Gott sich dem Menschen zuwendet. Das heißt: Die Liebe hat ein Vorbild in Gott  - und freilich im Handeln Jesu (Gleichnisse aus Lukas 15: Verlorenes Schaf usw.): Man kann es als Nachfolgeethik (Mt 5,48) bezeichnen.

 

4. Christliche Ethik und Ethik der Welt

Weil Gott als Schöpfer geglaubt wird, lässt Gott auch Nichtglaubende nicht allein, sondern: Er hat ihnen sein Gesetz ins Herz geschrieben (Paulus: Römerbrief 2,15), und sie können somit ansatzweise verantwortlich handeln. (Manchmal sogar „besser“ als einzelne Christen.)

Christliche Ethik schließt sich nicht ab, sondern diskutiert auch mit Vertretern philosophischer und nichtchristlicher religiöser Konzepte/Ethiken. Manche stehen ihrer Intention näher (Platon, Stoiker, Kant…), manche ferner (Epikur, Hedonismus…). Das Naturrecht spielt traditionell mit den Stoikern eine große Rolle: Die Schöpfung zeigt auch Ansätze dafür, wie Gott sich das Verhalten des Menschen gedacht hat, z.B. Ehe – Monogamie. Freilich spielen auch noch andere ethische Überlegungen eine Rolle. Naturrecht aus christlicher Sicht ist nicht biologistisch einzugrenzen.

In der Diskussion ziehen Glaubende auch das heran, was in der Gesellschaft als „gut“, „heilsam“, „nützlich“ usw. angesehen wird: zum Beispiel die Tugenden; Paulus sagt: Prüft alles, das Gute behaltet (1. Thessalonicher 5,21; Philipper 4,8) (z.B. Ethik der [Kardinal-]Tugenden: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit – hinzu kommen die theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe).

 

Christliche Ethik hat Anspruch auf Allgemeingültigkeit, weil der Mensch Geschöpf Gottes ist. So gelten freilich die 10 Gebote (der Dekalog) und das Liebesgebot nicht, weil sie christlich sind, sondern weil sie universal gültig und Ausdruck für menschliches / angemessenes soziales Verhalten sind. (Gegenwärtige Folge: Weltweite Durchsetzung der Menschenrechte, die auch Folge dieser jüdisch-christlichen Basis sind.)

 

Aufgabe: Sind Menschenrechte, die auf antiker und jüdisch-christlicher Basis in der westlichen Aufklärung  weiter entwickelt wurden, weltweit gültig?