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Das Böse

 

1. Das Böse – zunächst ein paar Schlaglichter:

 

  • Buch Hiob: Gott lässt es zu, dass der Satan dem Hiob Böses antut – darum wendet sich Hiob nicht an den Satan, sondern klagt Gott selbst an.
  • Augustinus: Die grundsätzliche Willensschwäche macht den gut geschaffenen Menschen böse. Aber das Böse ist eine Abwesenheit des Guten, denn die Schöpfung ist gut.
  • Hobbes: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.
  • Rousseau: Der Mensch ist gut – die Gesellschaft macht ihn böse.
  • Leibniz: Da Gott die beste aller Welten geschaffen hat, ist sie rational zu durchdringen. Gott ist das Böse nicht anzulasten - es ist zu Gunsten der Welt notwendig, dass einzelne Menschen leiden.
  • Kant: Die Freiheit des Menschen, sich für das Gute zu entscheiden bringt mit sich, dass er sich auch für das Böse entscheiden kann. Und der Mensch ist radikal böse. Kultur (Religion) vermag ihn gut zu leiten, weil der Mensch egoistisch denkt, sucht er seinen Vorteil durch Kultur und Religion zu erlangen.
  • Voltaire: Während wir uns auf dem Ameisenhaufen um einen Strohhalm zanken, geht das Universum seinen Gang. Der Mensch interessiert Gott nicht.
  • Schopenhauer: Das Böse ist Grundlage des egoistischen Menschen - aber auch Mitleid ist es. Mitleid in dem Sinn, dass der Mensch sich im anderen wiedererkennt und mitleidig wird. Dadurch wird das Böse sich vielleicht einmal beseitigen können.
  • Darwin und Evolutionsdenker: Der Mensch ist im Grunde ein Hordentier. Die Horde gibt gutes Verhalten vor, und der Mensch sucht sich anzupassen, um zu überleben: als Individuum und als Abhängiger von seiner Horde. Im Grunde ist das, was als böse empfunden wird, teil der Aggression des Menschen, die sozial nicht gebändigt wurde. Das Böse an sich gibt es nicht.
  • Nietzsche: Das Böse ist eine Erfindung der jüdisch-christlichen Religion, um den Menschen zu knechten.
  • Freud: Der Mensch hat seinen Trieb, seine Aggression, die ihn antreiben, das Es kennt kein gut und böse. Die Gesellschaft begrenzt diesen Trieb durch das Über Ich. Der Mensch ist wandelbar – er ist nicht nur es und nicht nur Über Ich – zu betonen ist das Ich – der Verstand, der ihn frei macht, über das Drängen des Es und das des Überich zu entscheiden.
  • Jonas: Gott ist verstehbar. Wenn man von Gottes Allmacht spricht, dann ist Gott nicht mehr verstehbar. Von daher ist die Kategorie “Allmacht” zu streichen.
  • Arendt: Gedankenloses Handeln lässt böse handeln – Nachdenken und Bildung verhindern das Tun des Bösen.
  • Scholl-Latour: Der Mensch ist in seinem Kern nicht gut. Er ist ein Raubtier.

 

Kann Gott für das Böse verantwortlich sein – Gott ist doch gut? Vor allem, wenn man nicht an Gott glaubt, kann Gott natürlich nicht für das Böse verantwortlich sein, sondern allein der Mensch. Und dann hängt man an dem Problem:

Ist der Mensch gut? Ist der Mensch böse? Ist der Mensch sowohl als auch?

Kurz: Wir wollen alles wunderschön mit dem Verstand durchdringen – ahnen aber, dass wir es letztlich nicht können. Und vor allem ahnen wir es, wenn wir nicht nur am Schreibtisch hocken, sondern auch aufblicken und in das böse Gesicht von Menschen schauen. So sehen wir sie nicht zuletzt in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, in den Gulags der Kommunisten, in den Völkermorden des 20 Jahrhunderts (Türkei – Armenien, Serbien, Ruanda) sondern auch in den jetzigen IS-Terroristen.

 

2. Drei Schlaglichter: Die drei P (Plotin, Parsismus, Paulus)

 

Der heidnische Philosoph Plotin (205-270), der sich auf Platon beruft, aber auch einen christlichen Lehrer hatte (Ammonius Sakkas) sagt: Das Böse ist die Abwesenheit des Guten: das böse Materielle ist dem guten Geistigen entgegenzusetzen, weil dem Materiellen das Geistige entzogen wurde. Dunkelheit ist die Abwesenheit von Licht. Wenn die Dunkelheit mit Licht in Berührung kommt, wird es hell. Wenn Materie mit Geist in Berührung kommt, wird sie gut. Wenn das Handeln des Menschen mit Bildung verbunden wird, wird es gut.

 

Unabhängig von Plotin kann auch all das als “böse” bezeichnet werden, was dem Menschen schadet – auch verbunden mit seinem Handeln. Handelt der Mensch böse, dann widerfährt ihm Böses. Und das Böse, das ihm widerfährt, kann vielfältig sein: Menschen begegnen ihm böse, er wird von Krankheit geplagt. Das ist das alte Weltgesetz, das auch im Neuen Testament formuliert wird: Wer mit dem Schwert tötet, wird vom Schwert getötet werden.

 

Der Parsismus (der von Zarathustra [2./1. Jahrtausend vor Christus] geprägt wurde) hat sehr stark das dualistische Denken gefördert: Es gibt eine gute Macht und es gibt eine böse Macht. Je nachdem stellt sich der Mensch der guten oder bösen Macht zur Verfügung. Beide ringen um die Vorherrschaft in der Welt. Manche Menschen fördern das Gute, manche das Böse. In einem Endkampf wird die böse Macht durch die gute Macht besiegt werden. Die Anhänger der bösen, finsteren Macht kommen in die Finsternis, die Anhänger der guten Macht in das Licht.

Dieser Ansatz wurde vom Judentum und somit auch vom Christentum übernommen, aber: Das Böse ist im jüdischen Glauben selten eine wirklich eigenständige Macht. Das Böse als Macht ist immer Gott untergeordnet. Es macht sich selbständig, kann aber nie wirklich als stärker als Gott angesehen werden.

Der reine Dualismus hat es einfacher als dieser gebrochene jüdische Dualismus. Denn er kann das, was der Mensch als böse empfindet, aus Gott heraushalten und kann es allein der bösen Macht zuschreiben. Um dieses Problem zu lösen, hat der jüdische Glaube erkannt, dass das, was er als böse empfindet, gerechte Strafe Gottes ist oder es ist innerweltlich Folge einer bösen Tat des Menschen, mit der der Mensch geprüft wird, gestärkt wird, angespornt wird, sich stärker Gott zuzuwenden und sich der Liebe Gottes anzuvertrauen und aus ihr heraus das Böse zu bekämpfen. (Dazu s. den Beitrag zu Hiob http://evangelische-religion.de/hiob.html )

 

Was wir dann jedoch bei dem Apostel Paulus (1. Jh. nach Christus) finden, das ist, dass der Mensch Böses tut, obwohl er Gutes tun will. Das heißt, der Mensch möchte Gottes Gesetz erfüllen – tut es aber nicht. Es ist quasi eine Macht vorhanden, die ihn hindert. Es ist die Erfahrung der Gebrochenheit des Menschen. Der Mensch ist nicht immer Herr seiner selbst. Paulus erfährt die Lösung dieser Gebrochenheit des Menschen darin, dass Jesus Christus den Menschen im Glauben zu einem neuen Wesen macht. Dieses neue Wesen wurde dadurch ermöglicht, dass der Mensch von vergangenen Sünden / Gebrochenheiten befreit wurde und nun vom Geist Gottes bestimmt wird. Der von Christus geheilte Mensch handelt im Einklang mit dem Gesetz Gottes – also nicht mehr böse. Und: Wenn dem Menschen etwas Böses geschieht, dann nicht, weil er böse gehandelt hat, sondern weil Menschen Gott angreifen.

(Wir haben hier sozusagen eine Art Vor-Freud: Paulus nennt es nur nicht Es-Ich-ÜberIch. Die Stelle, die bei Freud der Verstand einnimmt, nimmt bei Paulus Jesus Christus ein. Denn auch der Verstand des Menschen ist Teil dieser Gebrochenheit und kann den Menschen nicht heilen.)

 

3. Jesus und die Evangelien

 

Einen ähnlichen Ansatz finden wir schon bei Jesus: Der Nachfolger Jesu wird nicht verfolgt, weil er böse handelt, sondern darum, weil  böse Menschen es nicht ertragen, dass Menschen, die Gott gehören, die Gesellschaft verbessern wollen. Christen haben erfahren, dass sie, wenn sie im Sinne Gottes handeln, verfolgt werden.

Warum wurde zum Beispiel Jesus hingerichtet, obgleich er nur Gutes getan hat? Das Johannesevangelium bringt an dieser Stelle ganz dualistisch das Böse, den Teufel, den Satan ins Blickfeld: Diese widergöttliche Macht ist es, die zu verhindern sucht, dass sich Menschen Jesus Christus anschließen. Diese Macht bringt Menschen dazu, sich gegen Gott aufzulehnen, Böses zu tun, Menschen zu missachten, zu verfolgen, zu ermorden – und hält Menschen davon ab, sich dem Guten voll und ganz hinzugeben.

 

Hinzu kommt, dass in der Antike der Mensch als einer erfahren wurde, der von Dämonen besessen sein konnte. Wir würden heute von psychischen Krankheiten sprechen, das heißt: Menschen haben sich nicht unter Kontrolle. Sie verhalten sich asozial – und bekämpfen auch sich selbst, sie sind von der Gesellschaft nicht zu bändigen. Heute sind sie zu bändigen dadurch, dass sie zum Beispiel Psychopharmaka bekommen, aber damals gab es das bekanntlich noch nicht. Diese Erfahrungen, dass Menschen sich nicht selbst gehören und bestimmen können, die in der Dämonenaustreibung Jesu wieder auf Reihe gebracht wurden, wurden dann weiter auf andere übertragen. Das dürfte nicht schwer gewesen sein, denn wenn Menschen in Verfolgungen erfahren wie bösartig Menschen sein können, dann kann man schon auf den Gedanken kommen, sie sind nicht mehr sie selbst.

Dieser Gedanke hat dann auch wieder positive Bedeutung. Menschen, die böse sind, können auch wieder gut werden, wenn sie vom Bösen befreit wurden. Das heißt: Menschen werden nicht an ihre Bosheit fixiert, sondern Christen eröffnen allen Menschen die Möglichkeit, sich wieder Gott zuwenden zu können bzw. von Gott geheilt zu werden, damit sie sich ihm zuwenden können. Das Musterexemplar ist Paulus, der vom bösartigen Verfolger zu einem großartigen Gottesdiener wurde.

Dieser gute, vom Christentum geförderte Gedanke wird heute immer stärker wieder beiseite gedrängt: Man darf einen anderen Menschen töten, denn er ist böse. Das ist unchristlich.

 

4. Böse handeln

 

Man kann also erkennen, dass das Böse unterschiedlich konnotiert wird:

a) der Mensch handelt böse, asozial.

b) der Mensch will gut handeln, handelt jedoch böse.

c) der Mensch handelt gegen Gott.

d) Wer gegen Gott handelt, ist Teil der Bewegung einer bösen Macht, die sich gegen Gott wendet.

e) Der Mensch erfährt auch, was ich bislang noch nicht dargestellt habe, dass schädliche Handlungen ansteckend sein können. Wie eine Krankheit: Wenn einer in einer Gesellschaft böse handelt, findet er immer auch Mittäter, und wenn diese nicht eingeschränkt werden, verbreitet sich das böse Handeln wie eine Seuche. Das wurde von Paulus für die christliche Gemeinde erkannt: Wenn etwas Böses Fuß fasst, dann kann die Gruppe schnell verdorben werden. Das wurde aber auch von dem Stoiker Seneca erkannt, der forderte, dass Menschen, die böse handeln, eingeschränkt werden müssen, weil das Böse wie eine ansteckende Krankheit ist.

f) Der Mensch erfährt in seinem Leben schadende Dinge, die er als böse ansieht und über deren Hintergrund er nachdenkt.

 

5. Böse Macht (Teufel, Satan, Diabolos) und Gottesglaube

 

Böses Handeln ist also sowohl etwas, das dem Individuum zugehört, das aber auch als etwas angesehen werden kann, das eine Gesellschaft wie eine dunkle Macht prägt. Und jeder, der sich gegen diesen dunklen Teil einer Gesellschaft wendet, erfährt die geballte Gewalttätigkeit dieser Gesellschaft. Natürlich gehen die Menschen, die unter der Herrschaft der dunklen Macht stehen, auch miteinander brutal um. Das übersteigt das Verstehen von uns Menschen. Die darunter Leidenden fragen sich: Wie kann das sein? Sehen sie denn nicht, dass sie sich allesamt ändern müssen, damit die Welt besser wird? Und eine Antwort ist: Sie können es nicht sehen, weil sie vom Bösen blind gehalten werden. Das Böse wird zu einer personalisierten Macht. Es ist aktiv, es fesselt und knechtet Menschen. Es verwirrt ihr Denken, dass es Menschen nicht mehr erkennen lässt, dass sie Böses tun – und sogar weiter gehend: Sie tun Böses und denken, sie tun Gutes. Und das sind nicht einzelne Menschen, sondern eben diejenigen, die Böses tun, werden von anderen unterstützt, bejubelt – obgleich doch jeder sehen müsste, dass das widergöttlich, asozial, böse ist.

 

Wie also das Individuum verblendet werden kann, so kann auch eine Gruppe, eine ganze Gesellschaft und Kultur verblendet werden. Und der Verblender ist das personifizierte Böse. Der Teufel, der Satan, derjenige, der Menschen davon abhält, sich Gottes guten Willen hinzugeben und ihn zu tun.

 

Wir finden am Beginn des Wirkens Jesu eine Geschichte, die sowohl Matthäus als auch Lukas erzählen. Der Teufel versucht Jesus, er will, dass Jesus die widergöttliche Macht anbetet und ihr dient. Jesus widersteht dieser Macht. Jesu Wirken wird dann im Folgenden so beschrieben, dass er dieser Macht in allen Bereichen seines Lebens widersteht. Er verkündet Gottes reinen Willen, er tritt dafür ein, dass Menschen sozial miteinander umgehen, er befreit Menschen von der Verblendung und holt sie aus dem Machtbereich der Dämonen.

Zuletzt, so können wir in Evangelien lesen, hat dann der Satan doch so viel Macht über die Menschen gewonnen, dass sie Jesus hinrichten, beseitigen. Aber: damit tut der Satan im Grunde nur das, was Gott ins Positive kehren kann. Indem der Satan Jesus ermorden ließ, hat Jesus Christus im Sinne Gottes die Menschen von den Sünden befreit. Indem der Satan Jesus Christus zu Tode folterte, hat Gott dem Menschen das ewige Leben ermöglicht. Das heißt: Für Juden und Christen kann der Satan, der Widersacher Gottes nie das letzte Wort haben. Er ist nicht stärker als Gott, wird auch nicht siegen, auch wenn er sich in Individuen und Gesellschaften noch so aggressiv gebärdet.

 

Gibt es also eine solche personifizierte Macht wie Teufel, Satan usw.?

 

Wir Menschen erkennen, dass Menschen, Individuen und Gruppen, böse agieren, willentlich und nicht willentlich, kurz: verblendet.

Wie wir das auch immer interpretieren wollen oder müssen: Für Christen ist Gott der Dreh- und Angelpunkt. Christen schauen auf Gott – und auf nichts anderes. Sie versuchen das zu tun, was Gott in seinem Geist ihnen aufträgt – und nichts anderes. Auch Christen können verwirrt werden, denn Diabolos / Teufel heißt bekanntlich der Verwirrer, Fakten Durcheinanderwerfer…. Aber in jeder Verwirrung haben sie eine Zuflucht: Gott in Jesus Christus.  Wichtig ist für sie, dass sie sich an das Wort Gottes, das vor allem im Neuen Testament dargelegt wird, ausrichten und die Beziehung, die Nähe Gottes akzeptieren und sich ihm zuordnen. Wichtig ist, dass sie allem widerstehen, was Menschen tötet, sie bedrängt, sie ins Abseits stellt. Dass sie nicht mitheulen, wenn die Meute heult, dass sie klaren Verstandes bleiben, wenn andere sich betören lassen, sei es durch Drogen, sei es durch Phantasien, durch Gaukeleien in PC-Spielen, Filmen, in der Musik…, sei es durch Rhetorik...

 

 Und wenn sie in ihrem Leben an einem Punkt kommen, an dem sie Gott nicht mehr verstehen? Dann heißt das alte Glaubensmittel: Auf Jesus Christus schauen, der am Kreuz rief: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und so gebunden an Jesus Christus legt der Glaubende Gott alles in die Hände. Bis hin zur Auferweckung.

 

Wie dem allem auch sei: Man darf das Böse, sei es nun eine Macht oder allein Folge menschlichen Wesens oder Handelns, nicht unterschätzen. Wird es unterschätzt, hat es immer böse Folgen für das Miteinander der Menschen.

 

 

Zum Weiterdenken:

Von einem großen aber vergessenen Philosophen und Politiker, Boethius († um 525), habe ich einmal folgenden Satz gelesen (sinngemäß wiedergegeben):

Wie kann es einen Gott geben angesichts all des Bösen?

Wie kann es keinen Gott geben, angesichts des Guten?