www.evangelische-religion.de

Kirche auf Irrwegen / Abwegen

 

Kirchengeschichte ist engstens mit der allgemeinen menschlichen Geschichte verknüpft. Kirchenmenschen versuchen sich genau so durchzusetzen wie andere Menschen auch. Sie versuchen, das Leben zu erhalten, machtpolitisch aktiv zu sein - und immer auch mit Blick auf ihre eigene Zeit, Geschichte, Gesellschaft. Doch in diese Geschichte hinein gibt es immer wieder Menschen, die vom Evangelium, von der Botschaft Jesu angesteckt Neues wagen: Menschlichkeit, Liebe, Freiheit, Treue, Gebundenheit, Freude. Hierin handelt es sich, trotz aller Gebundenheit an ihre jeweiligen Zeit, um Lichtblicke, die die Menschheit weiterführen können, ihr Wegweisung geben. Diese Menschen sind es, die zeigen, dass Gott seine Menschenwelt nicht allein lässt. Ein paar Beispiele wurden unter dem Abschnitt: "Vorbilder" genannt. Aber neben diesen, gibt es eine sehr enge Verflechtung vom Christentum mit den macht- und gesellschaftspolitischen Belangen ihrer jeweiligen Zeit. Dazu gehören die folgenden Themen. Dazu ist jedoch zu sagen, dass diese nicht auf dem Christentum basieren, im Gegenteil, sie gehören zum allgemeinen Paket, das die Menschheit mit sich herumschleppt. Dennoch: Christen haben insofern Schuld auf sich geladen, weil sie nicht mutig genug gegen solche Auswüchse angekämpft haben, ja, sie manchmal sogar als Schuld gar nicht erkannt haben. Freilich machen solche Anschuldigungen auch bescheiden: Wo erkennen wir heute nicht unsere ungöttlichen Verflechtungen?

 

1. Sklaverei

 

Ich wüsste nicht, dass ein einziges mächtigeres Volk ohne Sklaverei bzw. Sklavenhandel ausgekommen ist: Wikinger waren dabei, wie schwarzafrikanische Herrscher, südamerikanische Völker ebenso. Aber gerade die Sklaverei zeigt, was für eine Schande auch Staaten auf sich geladen haben, die sich dem christlichen Glauben verbunden wussten - bis hin zu Päpsten, die Versklavungen von Nichtchristen duldeten und begründeten. (Italien selbst war ja zum Teil ein Gebiet, aus dem muslimische Herrscher ihre Sklaven holten.) Es war dann hauptsächlich jedoch nicht die alte Religion, sondern der neue Gott, der Sklavenhaltung forderte: die Produktion, der Kapitalismus, die Kolonialisierung wenig besiedelter Gebiete, die diese forderten und förderten. Wir sind als europäische Länder der Gegenwart weitgehend unabhängig von Sklaven, weil wir an deren Stelle gelernt haben, Maschinen einzusetzen. Denn Sklaven bedeuteten Entwicklung und Reichtum der jeweiligen Sklavenhaltervölker. (Freilich gibt es auf sexuellem Gebiet auch in unserem Land noch Versklavungen und: Laut Berechnungen ist der Wohlstand einer vierköpfigen Familie abhängig von ca. 20 Sklaven in der Textilindustrie, der Herstellung der elektronischen Geräte usw.: s. http://www.slaveryfootprint.org/ )

 

Von den neutestamentlichen Schriften selber her gibt es ambivalente Aussagen. Sklaverei war in römischer Zeit normal - was der christliche Glaube mit seinen winzigen Gemeinden bot, war die Gemeinschaft von Sklaven und Herren in der Gemeinde. Und wenn einer Christ geworden ist, dann galt es, den Sklaven auch als Bruder zu sehen (Paulus an Philemon) - ein Freier stand in der Gemeinde bzw. vor Gott nicht über dem Sklaven. Gesamtkonzepte gab es nicht - weil es die Perspektive, einmal mächtig zu sein, nicht gab. Doch im Norden von Mitteleuropa, als auch hier die Sklaven in die islamische Welt entführt wurden, wandten sich immer mehr Äbte, Fürsten und Städte gegen den Sklavenhandel (und für Leibeigenschaft). Der Sachsenspiegel von 1235 (Eike von Repgow) wendet sich mit Hinweisen auf Wort und Leben Jesu gegen die Versklavung von Menschen - und: der Mensch gehöre nur Gott, keinem Menschen. Aber letztlich siegte doch die Geldgier - der Markt war zu groß. Wie es dann zu der Abschaffung der Sklaverei kam? Dazu haben unter anderem Könige beigetragen (Philipp der Schöne und Nachfolger) - auch mit der Begründung, jeder Mensch ist Ebenbild Gottes - und muss frei sein. Menschenrechte wurden immer bedeutender. Im 16. Jahrhundert wurde Freiheit mit der Begründung verlangt, dass das Sterben Christi alle Menschen befreit habe. In Amerika haben die Quäker massiv zur Sklavenbefreiung beigetragen - aber das ist ein eigenes Thema. Zudem ist unbedingt Wilberforce zu nennen, der unermüdlich mit einem großen Team daran gearbeitet hat, die Sklaverei abzuschaffen. Das zähle ich zu der größten menschlichen Errungenschaft unserer europäischen und amerikanischen Kultur - die wohl so manche noch unterlaufen - und damit zähle ich diesen genannten Teil des Sachsenspiegels mit zu den bedeutendsten Werken in puncto Menschenrechte.

 

 

2. Kolonialismus + Mission

 

Kolonialismus - hängt mit dem aufkommenden Nationalismus und der aufstrebenden Wirtschaft zusammen. Die Ausbeutung der Völker hat mit dem christlichen Glauben nichts zu tun, ebenso wenig die Sklaverei, wie am Islam zu sehen ist oder in der Vergangenheit an anderen großen Reichen: Babylon, Römisches Reich... Im Gefolge des Kolonialismus begannen Christen zu missionieren - und zwar: im Sinne ihrer jeweiligen Nation zu missionieren. Und das war zu allen Zeiten (und ist es bis in die Gegenwart) ein falscher Ansatz: Christentum mit dem eigenen Volk, der eigenen Nation zu verbinden. Christlicher Glaube ist international - und Menschen in allen Ländern sehen sich als Kinder Gottes, als Brüder und Schwestern an. Und das haben auch große Menschen erkannt, es sei nur an Bartholome de Las Casas erinnert.

Ist den vielen, die Christen vorwerfen, in anderen Völkern zu missionieren (= von ihrem Glauben weiterzusagen), nicht klar, dass der Westen mit seinem Export und seinem technischen Knowhow ständig "missioniert"? Er bricht ein in traditionell gewachsene religiöse und damit verbunden soziale Strukturen. Er lockt, ruft Sehnsüchte hervor, gibt Lebensziele vor. Und sie meinen, damit neutral zu sein? Die Radikalisierung vielerorts hängt auch mit diesem Wirtschaftskolonialismus zusammen - nicht nur mit der Ablehnung der westlichen Werte, die als zu freizügig, als negativ empfunden werden. Der Anspruch einiger Wirtschaftler besteht ja auch darin, die Welt auf wirtschaftlicher Ebene zu vernetzen, in die Politik und Tradition einzugreifen, Werte zu vermitteln (auch “besser und wirkungsvoller als Religionen”). Warum wird der Westen von vielen als Paradies angesehen? Wegen der Gaukeleien der Werbung, die weltweit ausgestrahlt werden. Das schlägt seine zerstörerischen Schneisen überall auf der Erde - was man der Tätigkeit der Christen nicht unbedingt nachsagen kann.

 

 

3. Hexenverfolgung

 

Hexenverfolgung - ist keine spezifisch christliche Form des Umgangs mit Menschen, vor denen man Angst hat. Sie war dominant in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in der Zeit von Kälte und Hunger. Sie sind auch Folgen der Emanzipation der Städte von der Kirche - wobei nicht geleugnet werden soll, dass sich in der Verfolgung von Hexen auch bestimmte Kirchenmenschen besonders hervorgetan haben. Nicht allein Frauen sind diesem Wahn zum Opfer gefallen, sondern auch Priester, nicht allein Arme, sondern auch Reiche und Einflussreiche. So einfach und plakativ, wie es sich die Hexenforschung der Vergangenheit gemacht hat, kann man es sich in der Gegenwart nicht mehr machen. Freilich, der Hexenhammer wurde von einem Menschen der Kirche geschrieben - aber Menschen der Kirche wandten sich auch schon sehr früh dagegen: Schon im 16. Jahrhundert wunderte man sich, dass in der modernen Zeit so etwas noch geschrieben werden konnte. Und Menschen der Kirche waren es, die sich diesem Wahn immer stärker entgegengestellt haben: Friedrich von Spee. Wer Hexenverfolgung in einer Suchmaschine eingibt, wird auf viele Seiten stoßen, die gegenwärtige Hexenverfolgungen thematisieren: in Afrika, Indien und vielen weiteren Staaten. Hexenverfolgung ist - wie oben angedeutet - überwiegend auch ein soziales Problem. Der Mensch fühlt sich in seinem Ergehen von ihm unbekannten Mächten abhängig. Er beschuldigt Menschen, die er mit diesen Mächten im Bund sieht, ihn zu schaden. Unabhängig von diesem Geisterglauben: In Afrika ist der Schamanismus eine Fessel für die Menschen. Sie können sich vielfach aus Angst vor den Mächten und Verfluchungen nicht frei entfalten.

 

 

4. Kriege (s. auch Kirche+Gewalt: http://www.evangelische-religion.de/kirche-gewalt.html )

 

Wann begannen eigentlich die ersten Kriege, in denen Jesus Christus in welcher Form auch immer in den Blick kam? Soweit ich weiß mit Konstantin dem Großen - ca. 300 Jahre nach dem Leben Jesu, wobei man nicht so genau weiß, was nachträgliche Interpretation ist. Konstantin kämpfte aber nicht zur Verbreitung des Christentums, sondern - wie es in dieser Zeit üblich war -, suchte um gute Vorzeichen für seinen Kampf - und er bekam ein gutes Vorzeichen im Kampf gegen seinen Rivalen: Er hatte möglicherweise eine Christus- bzw. eine Kreuzesvision (Chi-Rho). Nachdem die Christen immer wieder unter Verfolgungen, Hinrichtungen zu leiden hatten, war das Erlebnis des Kaisers Konstantin der Beginn der Anerkennung des Christentums durch den Staat. In der Folgezeit gab es einige Christen, die das Heidentum nicht mehr nur verbal bekämpften. Diskussionen über die Möglichkeit eines gerechten Krieges kam im 5. Jahrhundert auf - es ging da (soweit ich weiß) nicht um christliche Kriege, sondern um Kriege, die ein Staat führen musste, mit dem Ziel, Angriffe abzuwehren und Frieden herzustellen (im 5. Jahrhundert drangen Goten in Rom ein). Ab dem 7. Jahrhundert bekämpfte in Nordengland König Oswald die Heiden (das war auch eine Familienfehde um den Thron) - und ab da mehren sich in den nächsten Jahrhunderten die Stimmen, die Kämpfe zur Ausbreitung des Christentums in den Blick nehmen. Bischof Agobard - geboren im 8. Jahrhundert in Spanien forderte den Kampf gegen Ungläubige - das heißt hier wohl konkret: gegen Muslime, die Spanien erobert hatten. In diesem historischen Zusammenhang wird er möglicherweise schon Intentionen aufgegriffen haben, die vor ihm da waren. Karl der Große war ebenfalls im 8. Jahrhundert erbost über die überwiegend heidnischen Sachsen, weil sie ständig die Grenzen seines Reiches überschritten. Um sie zurückzudrängen, wurden Klöster an den Grenzen gebaut, damit sie missionierend die Sachsen befrieden konnten. Aber er half in den Sachsenkriegen auch mit militärischen Mitteln nach. Sein Ziel: die Sachsen zu christianisieren. Wir kommen zeitlich schon langsam in die Nähe der berühmten Kreuzzüge - ca. 1000 Jahre nach Jesu Geburt. Diese Kreuzzüge hatten den Grund, Christen dazu zu bringen, Heilige Stätte aus der Hand der Muslime zurückzuholen, die diese Jahrhunderte vorher überrannt hatten. (http://www.evangelische-religion.de/kreuzzuege.html )