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Aufgabe: Überlege

1. Jesus fordert Feindesliebe und ließ sich ohne Gegenwehr hinrichten.

Welche Konsequenzen hat das für den Einzelnen und für eine Gruppe?

 

2. Menschen sind seit jeher darauf aus, andere aus unterschiedlichsten gründen zu bekämpfen.

Welche Konsequenzen hat das für den Einzelnen und für die Gruppe?

 

3. Welche Möglichkeit gibt es für die Christen angesichts dieser beiden Vorgaben/Realitäten?

 

 

 

Anmerkungen zu den Kreuzzügen

 

(Im Folgenden kann ich nur ganz kurze Hinweise geben - mit dem Arbeitsauftrag, die Hinweise durch Eigenrecherche zu vertiefen, die Aussagen zu differenzieren.)

 

 

Jesus hat gefordert, seine Feinde zu lieben. Die Kreuzzüge bedeuteten Krieg. Wie ist das zu verstehen?

 

Christen lebten in den ersten Jahrhunderten pazifistisch. Sie lehnten auch den Militärdienst ab. Als Christen begannen, in einem Land mit die Verantwortung zu übernehmen, mussten sie umdenken lernen. Es gibt grausame Menschen, Völker. Weil die Menschheit sich von Anfang an selbst behaupten musste, um nicht unterzugehen (Hunger, Versklavungen), versuchten sie sich immer wieder auf Kosten anderer durchzusetzen. Und das mit äußerst brutalen, grausamen Mitteln. Es geschahen Überfälle auf Dörfer und Städte, Plünderungen, Sklavenzüge, Brandlegungen, Folter, Entführungen - alles was man sich an Grausamkeiten denken kann.

 

Christen konnten nun nicht einfach zusehen, wie die Menschen ihres Staates vernichtet wurden. Und so begann der Kirchenvater Augustin intensiv über das Verhältnis von Staatsverantwortung und christlichem Glauben nachzudenken, denn in seiner Zeit rannten germanische Stämme - aus ihren Bereichen von den Hunnen vertrieben - gegen die Grenzen des Römischen Reiches an.

 

Augustin

Er sah das im 4./5. Jahrhundert so, dass die Kirche den Staat durchdringt - der Staat aber eine eigene Größe ist. Die Kirche vertritt den Geist Jesu Christi in der Welt - der Staat muss im Bereich des sündigen Menschen agieren. Beide sind aber nicht rein gut bzw. rein schlecht, sondern in der Kirche gibt es Böses - aber das Gute dominiert und im Staat gibt es Gutes - aber Böses dominiert. Und der Staat benötigt die Kirche, damit sie ihn dazu bringt, dem Guten nachzueifern, aber er hat die Aufgabe, das Böse einzugrenzen - auch mit Gewalt. Die Kirche kann nach dieser im Mittelalter dominanten Sicht nicht im Staat aufgehen. Beide, Staat und Kirche, bleiben getrennt. Augustin sah angesichts der andrängenden Germanenstämme die Notwendigkeit eines Verteidigungskrieges durch den Staat. Kriege dürfen also nicht um der Kriege willen geführt werden, oder aus machtpolitischen, religiösen Gründen, um zum Beispiel das eigene Reich zu erweitern, sondern aus Gründen der Verteidigung und mit dem Ziel, Frieden wieder herzustellen. Bei Augustin spielt aber noch der Krieg eine Rolle, den Gott befehlen kann - eben auch, um Frieden wieder herzustellen.

 

Nach Augustin

In den folgenden Jahrhunderten ging das Thema hin und her. Denn es geht immer auch um die Frage der Konkretion in ganz bestimmten Situationen. Und da kamen dann gewichtige Stimmen auf, die Kriege auch erlaubten, wenn sie die Mission erleichtern, oder wenn sie gegen Ketzer gerichtet sind. Oder: Karl der Große hat im 8. Jahrhundert die Sachsen bekämpft, weil sie ständig die Grenzen seines Reiches missachteten. Als er sie besiegt hatte, forderte er von ihnen unter Androhung von Gewalt die Annahme des christlichen Glaubens, wer ihn nicht annahm, wurde getötet. (Der Christ Alkuin wandte sich dagegen: Christentum wird mit Predigt und Unterweisung weitergegeben, nicht mit dem Schwert.) Ziel Karls: Die Stabilisierung seiner Herrschaft durch den einheitlichen christlichen Glauben in seinem Reich. Es wurden auch Stimmen laut, die sagten: Wenn Ungläubige Herrscher die Christen gut behandeln, dürfen sie nicht bekämpft werden.

 

Thomas von Aquin

Dann gab es weitere Überlegungen, so von Thomas von Aquin, dem großen Denker des 13. Jahrhunderts. Er sah, dass auch der Staat nicht nur dem sündigen Menschen entspricht, sondern dass auch der Staat an dem vernünftigen Göttlichen in der Welt teilhat. Und die Kirche lässt den Staat das erkennen und führt ihn an, dem Guten zuzustreben. Es dürfen dann Kriege geführt werden, wenn sie dazu dienen, in einer Gesellschaft die Ordnung aufrecht zu erhalten.

 

Papst Urban II.

Diese oben vorgestellte Sicht besteht auch im Kontext der Kreuzzüge. Darum hat der Papst nicht selbst kämpfen können, hat aber die weltlichen Herrscher dazu aufgerufen, gegen die Feinde zu kämpfen (zum Teil wurden Muslime auch nicht als andere Religion angesehen, sondern als vom wahren Glauben abgefallene Christen). Und hier entsteht nun das Problem: Denn der Papst war gleichzeitig auch ein politisch mächtiger Mann und die Trennung von Kirche und Staat konnte nicht mehr so ganz aufrecht erhalten werden. Von daher stehen die Kreuzzüge auch für Christen in einem eigenartigen Licht.

 

Martin Luther

Einige Jahrhunderte nach den Kreuzzügen hat Martin Luther (16. Jahrhundert) gesehen, dass Kirche wie Staat die Aufgabe haben, das Böse in der Welt zurückzudrängen: Die Kirche durch Verkündigung, der Staat auch mit Mitteln der Gewalt. Beide sind freilich selbst auch vom Bösen durchdrungen, weil das Reich Gottes, die gute Herrschaft Gottes eben noch nicht angebrochen ist. Und es folgte eine enge Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche, weil beide ja eine gemeinsame Aufgabe haben.

 

Karl Barth

Der große Theologe des 20. Jahrhunderts sah die Aufgabe des Staates nicht so sehr darin, das Böse zurückzudrängen, sondern darin, Recht durchzusetzen und für Frieden zu sorgen. Und die Kirche treibt den Staat darin an, das auch zu tun. Von hier aus war Barth ein großer Gegner des nationalsozialistischen Staates, der eben nicht Recht und Frieden durchzusetzen suchte.

 

Das große Problem

Die Frage stellt sich: Dürfen sich Christen gegen Feinde wehren? Als Individuum muss man das Feindesliebegebot Jesu beachten. Und so haben sich ja auch zu allen Zeiten hindurch Christen eher umbringen lassen als selbst andere - auch in Verteidigung - zu töten. Gilt das aber auch dann, wenn Christen als Gruppe angegriffen werden? Darf einer als kräftiger Mensch zulassen, dass alle Menschen seiner Gruppe einfach so getötet, versklavt, misshandelt werden - auch dann, wenn ein gemeinsamer Kampf das verhindern könnte? Gebietet es nicht gerade die Liebe, sich den Gewalttätern entgegenzustellen - mit Gewalt?

 

Parallel zu den oben genannten Überlegungen gibt es immer auch eine pazifistische Strömung, das heißt: Kriege sind - wie jegliche Gewalt - mit Berufung auf Jesus abzulehnen. Hier sind vor allem die Quäker hervorzuheben, weil sie diese Sichtweise über Jahrhunderte überwiegend vertreten und gelebt haben.

 

Aus der letztgenannten Sicht sind die Kreuzzüge vollständig abzulehnen. Von den zuvor genannten Sichtweisen her gesehen, können sie ansatzweise legitimiert werden - denn es ging realpolitisch gesehen, um die Verteidigung von Byzanz gegen die massiven islamischen Expansionen (selbst Italien und die Stadt Rom war immer wieder angegriffen worden). Dass dann innerhalb der Kampfhandlungen Grausamkeiten verübt wurden, das ist aus der Sicht all der oben genannten Menschen nicht zu rechtfertigen. Denn es geht ihnen allen um Frieden, Recht, Ordnung - Angemessenheit der Mittel. (Heute stellt sich die Frage: Können Massenvernichtungsmittel jemals angemessen sein? - Als Abschreckung? Wenn andere sie haben?) Da bricht sich doch der Mensch als Sünder immer wieder Bahn - selbst in den modernen Heeren, trotz Genfer Konvention usw.

 

Genfer Konvention:

http://www.humanrights.ch/home/de/Instrumente/Humanitaeres_Voelkerrecht/Genfer_Abkommen/idart_4622-content.html

 

Denkschrift der EKD: Aus Gottes Frieden leben - für gerechten Frieden sorgen: http://www.ekd.de/download/ekd_friedensdenkschrift.pdf

 

Zu gegenwärtigen innerkirchlichen Auseinandersetzungen:

http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Kirche/reinecke.html

 

Zu den oben genannten Quäkern siehe: http://www.quaeker-stiftung.de/hilfe-mit-tradition/wer-sind-die-quaeker/haeufig-gestellte-fragen/index.html (Frage 3.)