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Kriterien Ethischer Urteilsbildung

 

In den vorangegangenen Abschnitten wurden grundlegende Fragen angesprochen. Doch wie kann man sich ein ethisches Urteil zu einer ganz konkreten Frage bilden? Hier beginnen dann die Diskussionen - und diese werden von den Grundeinstellungen der jeweilig Diskutierenden bestimmt. Anhaltspunkte zur eigenen Urteilsfindung seien gegeben:

 

  1. Problem / Fragestellung exakt formulieren / darstellen.
  2. Persönliche Betroffenheit klären.
  3. Informationen sammeln und darstellen: (a) Wer ist betroffen?; (b) Gegenwärtige Praxis; (c) Verschiedene Positionen: Allgemein ethische Sicht klären + philosophische / theologische Denkmodelle einbringen; (d) Warum nehmen die jeweiligen Menschen ihre Position ein?
  4. Eigene Werte reflektieren.
  5. Alternativen aufzeigen
  6. Zu einem Ergebnis kommen: Pro und Contra abwägen (Folgenabschätzung: Human-, Umwelt-, Sozialverträglichkeit).
  7. Ergebnis kommunizieren und in der Argumentation mit anderen überprüfen.
  8. Sixpack: Weil wir Menschen bekanntlich nicht nur in der Gegenwart leben, sondern auch Erfahrungen vergangener Generationen aufgreifen können, kommt aus christlicher Perspektive noch ein weiteres Kriterium dazu: Die Berücksichtigung:
  1. biblischer Aussagen (z.B. Menschenwürde: Genesis 1) unter besonderer Berücksichtigung der
  2. Lehre Jesu Christi - darüber hinaus der
  3. christlichen Vorfahren (z.B. Kirchenväter) und der
  4. weltweiten (!) Gemeinde der Gegenwart. Die Grundlage dieser Sichtweise ist: Gott wirkt durch den
  5. Heiligen Geist - denn der
  6. Wille Gottes ist für das gute Zusammenleben der Menschen und damit für die richtige Beantwortung der jeweils "modernen" Fragen konstitutiv.

 

Diese Kriterien wurden neu erarbeitet mit Hilfe von

(a) Hartmut Rupp / Andreas Reinert (Hgs): Kursbuch Religion, Calwer + Diesterweg, Stuttgart 2008, 86

(b) Das Kursbuch 3: Religion. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht im 9./10. Schuljahr, Calwer/Diesterweg Stuttgart 2007, 230

 

 

Kriterien zur Urteilsfindung im Dialog der Religionen

 

Es ist für eine Gesellschaft nicht leicht, in grundlegenden Fragestellungen eine Lösung zu finden, die von möglichst vielen getragen wird. Denn das Problem besteht darin, dass die Lösungen einander häufig ausschließen. Zum Beispiel: Darf abgetrieben werden? Ab wann ist der Mensch ein Mensch? Ist Abtreibung Mord?  Darf ein Mensch getötet werden? Oder: Todesstrafe: Ja/Nein? Warum nicht? Töten eines Täters: In Notwehr? Wann ist Notwehr gegeben? Dürfen Unbeteiligte getötet werden, zum Beispiel, um ein großes Unglück abzuwenden (Terror mit Hilfe von Passagierflugzeugen)?

 

In der neueren Zeit kommen noch andere Dimensionen hinzu: Die unterschiedlichsten Kulturen, die in den jeweiligen Ländern Zugang finden: Haben sie sich der jeweiligen heimischen Kultur vollständig unterzuordnen? Dürfen / müssen sie Nischen bekommen? Wer entscheidet das? Was sagen die Menschenrechte? Gibt es feststehende Menschenrechte? Gelten die Vorstellungen von Menschenrechte aus dem Westen, aus China, aus den islamischen Ländern? Darf die Gleichberechtigung der Frau in unserem Land durch andere Kulturen die in unserem Land Aufnahme finden, aufgrund von Religionsfreiheit eingeschränkt werden?

Diese Fragestellungen werden in Zukunft immer stärker die Gesellschaft vor spannende Diskussionen stellen. Grundsätzliche Aspekte wurden angedacht unter: http://www.evangelische-religion.de/dialog-pluralismus.html

 

Aufgabe:

Wende diese Kriterien an einem Beispiel an. Wähle aus den folgenden ein Thema aus - oder wähle ein eigenes:

  1. Organspende
  2. PID
  3. Suizid
  4. Euthanasie oder Sterbehilfe
  5. Behinderung
  6. Klonen
  7. Gewalt/Herrschaft
  8. Sexuelle Orientierung
  9. Vegane Nahrung
  10. Abtreibung
  11. Zusammenleben der Kulturen
  12. Krieg
  13. Reich-Arm
  14. Klimaschutz
  15. Hilfen umfassender Art für arme Länder
  16. Aufnahme von Flüchtlingen, Aufnahme von Migranten
  17. ...