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Kürzeste Geschichte des Rechts und der Ethik

 

Menschen haben schon sehr lange über gutes und negatives Verhalten nachgedacht.  Sehr alt ist der so genannte Codex Hammurapi (ca. 1700 v.Chr.). In diesem Codex heißt es, dass die Götter den König Hammurapi damit beauftragt haben, die Menschen zu lenken - und es folgen ca. 281 gesetzliche Abschnitte. Die Gesetze gegen Mord, Diebstahl, falsche Anschuldigungen, mit drohenden Anreizen für fleißiges und rechtes Arbeiten in der Landwirtschaft, als Kaufmann, Soldat, es geht um Ehe, Erbrecht usw. - vieles wird angesprochen, was unter Menschen Ärger hervorrufen kann - und Streitpunkte sollen in rechtlichen Rahmen gebracht, verhandelt werden. Es waren also die Götter, die den König mit der Gesetzgebung beauftragt hatten.

 

In Ägypten ist eine andere Dimension wichtig, die der Ma´at: die göttliche Ordnung, das Recht, die Tradition. Der Mensch bekommt sie nicht wie ein Gesetz, sondern er muss dieser Ordnung in dem, was er sieht, was er erlebt, nachspüren, sie in Worte fassen. Und so sind es weise Worte, mit denen Menschen Lebenshilfen bekommen, damit sie möglichst wenig Übles erleben, denn wer die Ma´at verletzt, wird es negativ zu spüren bekommen. (Freilich schließt das Gesetzgebung nicht aus. Seit der 18. Dynastie, ca. 1530v.Chr., weiß man von schriftlich fixierten Gesetzen - vom Gott Thot hergeleitet?)

 

Im Alten Testament finden wir beide Traditionen wieder: Es gibt Gesetze, an die sich das Volk Israel zu halten hat - mit dem Namen Moses (1300 Jh.v.Chr?) verbunden -, und es gibt Weisheitsworte, an die sich der kluge Mensch hält - mit dem Namen Salomo (ca. 1000v.Chr.) verbunden. Beide, Gesetz und Weisheitsregeln, werden von Gott hergeleitet.

 

In Griechenland begann Drakon im 7. Jahrhundert vor Christus das Gewohnheitsrecht in Recht umzusetzen. Was dann über Solon und vielen anderen nicht nur dem jeweiligen Zeitgeist angepasst wurde, sondern auch den Menschen gerechter wurde. Ist das Gesetz nur etwas für die Schwachen, die die Starken und Mächtigen auf diese Weise binden wollen? Gilt das Gesetz für alle? Ohne Recht herrscht Willkür - von daher spricht Solon (640-560v. Chr.) vom "heiligen Recht", das die Elite beschneidet und das Volk erhebt. Das Recht ist für das Zusammenleben der Menschen unabdingbar. Die Philosophen Sokrates/Platon vertiefen die Fragestellung und versuchen eine Letztbegründung des guten Gesetzes/Rechts: Es gibt ein gutes Recht (Nomos) - und das muss erkannt werden. Wenn es nicht erkannt wird, dann geht es ungerecht zu. Diese Traditionen beeinflussten in ihrer Weiterentwicklung auch das Römische Recht. Aber auch das

Römische Recht hatte seine Wurzeln im Gewohnheitsrecht - das eng mit religiösen Bräuchen verbunden war. Im 5. Jahrhundert v. Chr. wurde das "Zwölftafelgesetz" bekanntgegeben, das Vollbürger schützte. Das Recht wurde weiterentwickelt und ca. 1000 Jahre später ließ Kaiser Justinian I. (der Große) die alten Rechtstexte sammeln und 533/534n.Chr. veröffentlichen. Das so genannte Corpus Iuris Civilis hat seit dem Hochmittelalter auch unsere Rechtsprechung beeinflusst.

 

In dieser vorangegangenen Darstellung ging es

  • um Gewohnheitsrecht,
  • das zu staatlichem Recht verarbeitet wurde;
  • um die ursprüngliche Herleitung des Rechts von den Göttern/Gott - um eine Letztbegründung;
  • um Verhaltensregeln die Klugheitsregeln entsprechen;
  • um ein Streben nach dem dem Menschen vorgegebenen wahren Recht;
  • um Weiterentwicklung des Rechts.

 

In der Ethik geht es jedoch nicht in erster Linie um das Recht - sondern um die grundsätzliche Frage:

 

  • Was bestimmt das Verhalten des Menschen?
  • Was sollte das Verhalten bestimmen?

 

Und zum Teil parallel zu den oben genannten Rechtsentwicklungen haben sich Menschen grundsätzlich darüber Gedanken gemacht.

 

Sokrates (469-399) wollte, dass die Menschen selbst darauf kommen, was wirklich gut ist. Das versuchte er durch geschicktes Fragen aus ihnen herauszulocken: Ist die Tradition gut? Ist das, was der Mensch leichthin denkt, auch noch bei näherem Betrachten gut?

 

Platon (428/7-348/7): Vor Sokrates und Platon wurde gefragt: Wie kann man gut leben? Antwort: Man kann gut leben, wenn man sozial eingebunden ist. Sozial ist man eingebunden, wenn jeder das in ihm angelegte Lebensziel für die Gemeinschaft perfektioniert. Bei Platon wird die Tugendlehre betont. Sie hat mit Gemeinschaft zu tun, geht ihr aber voraus: Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Weisheit, Großzügigkeit - kurz: Man muss das Gute erkennen, die Idee des Guten, das vollkommene Gute - und sein Verhalten entsprechend ausrichten. Was die Idee des Guten ist, das weiß der philosophisch Denkende, der Freund der Weisheit (Philo-Sophie).

 

Aristoteles (384-322), der dritte große Philosoph der Griechen, die unser Denken beeinflusst haben, sieht als Lebensziel des Menschen das Glück an. Um das zu erreichen ist es notwendig, das naturhafte Streben des Menschen nach Glück dem Verstand unterzuordnen. Aber da nur die Götter glücklich sind, arrangiert man sich als homo politicus mit den anderen Menschen, um möglichst viel davon erreichen zu können. Glücklich ist ein tugendhaftes Leben - aber ein Leben, in dem die Tugend nicht erzwungen ist, sondern Freude macht. Zum Beispiel: Ein Mangel an Tugend ist die Zügellosigkeit - ein erzwungenes Übermaß ist die Gefühllosigkeit - die goldene Mitte ist die Besonnenheit. Man betrachtet die Tugenden nicht um der Tugenden willen, sondern sie sollen Auswirkungen auf das Zusammenleben haben.

 

Es wird deutlich, dass es hier nicht mehr allein um die Frage des Rechts/Gesetzes geht - und das wird bei dem vierten großen Denker Epikur (341-271/0) vollends deutlich: Lust ist Ziel des gelungenen Lebens. Man hat Epikur lange missverstanden - aber in der Auseinandersetzung mit ihm ist die Philosophie doch weiter gekommen. Es geht Epikur nicht um Sex, um Vergnügen - sondern um: Seelenruhe, Lust der Seele. Und diese Seelenruhe wird durch viele Ängste gestört. Was bringt Lebensglück? Die Ängste auszuschalten. Wie macht man das? Indem man sie rational durchdringt: Schmerzen sind auszuhalten - also muss man keine Angst vor ihnen haben; wenn man tot ist, spürt man nichts mehr - warum dann Angst vor dem Tod? Götter strafen nicht - also ist Angst vor Strafen der Götter (Schicksal) unbegründet; warum Angst vor Verlust? Alles was man wirklich zum Leben benötigt ist doch recht wenig.

 

Die Hand wird voll: der fünfte große Denker - der zumindest durch seine Schüler großen Einfluss bekommen hat - ist Zenon von Kition (333/2-262/1). Die von ihm ausgehende Gruppe ist die der Stoiker, die auch die frühen christlichen Denker intensiv beeinflusste: Die Vernunft muss lernen, sich dem Grundprinzip der Welt - der Vernunft, der Ordnung - anzupassen, sich in sie eingliedern mit dem Ziel, sich zu vervollkommnen, indem man diese Anpassung immer stärker beherrscht. Und je mehr man diese Vervollkommnung erreicht hat, desto gelassener wird man. Und wesentlich: das gilt für alle Menschen, das gilt nicht nur für die Elite (vgl. Epikur), das gilt den Sklaven wie den Herren, den Philosophen wie den Händlern - jeder hat Teil an dieser Weltordnung. Diese Sicht hat viele weitere große Menschen beeinflusst: Seneca, Epiktet, Mark Aurel (auch wenn Mark Aurel aus politischen Gründen gegen diese Prinzipien handelte).

 

Mit diesen fünf Denkern ist die allgemeine Richtung für spätere Zeiten vorgegeben. Der Weg ist die Vernunft - aber dieser Weg gabelt sich in zwei Folgewege:

 

  • gibt es eine Grundidee (Platon), ein Grundprinzip (Stoa), das die Ethik prägt, vorgibt? - Diesem Gedanken folgen spätere Christen bis in die Gegenwart hinein;
  • muss die Ethik eher innerweltlich erklärt werden (Aristoteles, Epikur)? Diesem Gedanken folgen vor allem neuzeitliche Denker, die das religiöse Element stärker ausklammern.

 

  • Nicht, dass damit alle Aspekte schon vorgegeben sind. So hat zum Beispiel Augustin (354-430) gesehen, dass der Mensch in seiner Natur vorherbestimmt ist, dass er aber einen eigenen Willen hat - mit den Stoikern - und sich dem Willen Gottes anpassen kann. Und dieser Wille Gottes - nennen wir es Grundprinzip - ist die Liebe. Es wird deutlich, dass hier unterschiedliche Traditionen miteinander verbunden wurden: Griechische Philosophie, Altes Testament, Lehre Jesu Christi. Anders als bei den griechischen Philosophen steht auch ein wichtiger jüdisch-christlicher Aspekt im Vordergrund: Nicht der Verstand erarbeitet sich das Göttliche - sondern Gott offenbart seinen Willen.

 

Mit diesem Denken sind auch weitere Themen verbunden, zum Beispiel:

Ist der Mensch von Haus aus böse oder gut?

Ist der Mensch eigentlich wirklich frei zu entscheiden oder ist er abhängig von einem Gott / von dem Schicksal / von der Gesellschaft?

Woher nimmt er Verhaltensregeln: aus der Natur, aus der Tradition? Geben sie ihm vor, wie er sich zu verhalten hat? Bestimmt das Sein das Sollen - oder das Sollen das Sein?