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Die Schöpfungsgeschichten

 

A) Einleitung

 

In den Schöpfungsgeschichten von Genesis 1 und 2 lernen wir eine ganze Menge über uns Menschen – und das, was wir dort lernen, hat unsere Kultur auch stark geprägt.

 

Zunächst einmal zur Gattung: Es liegen Schöpfungsmythen vor – Mythen versuchen das, was man erlebt und sieht in Form einer Erzählung zu erklären. Dazu s. auch den Abschnitt über die Schöpfungsgeschichte http://www.evangelische-religion.de/glaube-wissenschaft-1.html . Die Schöpfungsgeschichte Genesis 1 berichtet über die Erschaffung des Kosmos, der Erde, das heißt des Raumes, der Zeit und des Lebens. Beachte auch http://www.evangelische-religion.de/schoepfung-2.html

 

 

 

B) Was sagt der Mythos in Form eines Lehrgedichts Genesis 1 über den Menschen?

 

Mann und Frau werden als Ebenbild Gottes geschaffen (26-27)

Mann und Frau bekommen von Gott Aufträge – zunächst Aufträge wie die Tiere (22 und 28): Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde. Doch geht der Auftrag dann über den Auftrag an die Tiere hinaus: macht euch die Erde untertan und herrschet über die Tiere.

Über die Tiere zu herrschen bedeutet nicht, sie zu zerstören. Denn Gott hat alles geschaffen – und er fand das alles sehr gut. Und so besteht der Auftrag, als Gottes Beauftragte die Schöpfung zu hegen und zu pflegen. Das wird dadurch vertieft begründet, dass alle nur Pflanzen essen dürfen.

Der Mensch wird aus der Fülle der Tiere herausgehoben: Er wird zuletzt geschaffen, er wird als Ebenbild Gottes geschaffen, er bekommt einen Einzelsegen, er bekommt einen Auftrag.

Es wird nicht deutlich ausgesprochen, aber wenn es heißt, dass Gott am siebenten Tag ruht, dann kann es für Israel nur heißen: Der Mensch muss auch ruhen. Der Sabbat wird von diesem Ruhen Gottes hergeleitet - bzw. mit diesem Ruhetag Gottes begründet. Das bedeutet: Der Mensch muss für die Ruhe Raum bekommen, muss Raum bekommen, über seine Beziehung zu Gott nachzudenken: Gott ruhte – also auch ich.

 

 

 

C) Was sagt der Mythos Genesis 2-4 über den Menschen?

 

Gott schuf den Menschen (den Mann) aus Ton. Der Mensch ist Materie. Und wie kann Materie leben? Gott gibt ihm seinen Lebensatem  - der Mensch beginnt zu leben (7).

Gott hat dem Menschen einen wunderbaren Garten gemacht, und gab ihm den Auftrag, vom Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis nicht zu essen. Das heißt: Gott hat dem Menschen von Anfang an Entscheidungsfreiheit gegeben – und damit auch Verantwortung für sein Verhalten.

Der Mensch bekommt den Auftrag, den Garten zu bebauen und zu bewahren (Landwirtschaft).

Gott merkt, dass es nicht gut ist, dass der Mensch allein ist, und so schafft er dem Menschen Gehilfen – die Tiere. Und der Mensch bekommt den Auftrag, die Tiere mit Namen zu versehen (Benennen = Wissenschaft = beherrschen).

Der Mensch fühlt sich aber immer noch allein – und so lässt Gott den Menschen in einen Tiefschlaf fallen. Er entnimmt ihm eine Rippe und macht daraus die Frau. Und als der Mann die Frau sah, freut er sich, denn sie ist ihm gleich. Und wenn sie zusammenkommen, dann werden sie eine Einheit (ein Fleisch – 24). Das heißt, Mann und Frau sind nur gemeinsam eine Einheit – und das ist nur möglich, wenn sie aus dem Mann gemacht geworden ist. Wenn die Frau auch aus Erde gemacht worden wäre, kann die Einheit nicht dermaßen eng werden. Von daher ist die Aussage, dass die Frau aus der Rippe des Mannes gemacht wurde, keine Degradierung, sondern eine Aufwertung beider: Sie werden ein „ganzer Mensch“ durch die Vereinigung. (Mensch als soziales Wesen.)

Mann und Frau haben ein Schamgefühl – und dieses Schamgefühl wird jedoch erst bewusst, als sie sich ihrer selbst bewusst werden durch das Essen vom Baum der Erkenntnis. Seiner selbst bewusst werden und Scham gehören zusammen.

Die Schlange sät erst Zweifel (sollte Gott gesagt haben?), dann behauptet sie, dass die Drohung mit der Todesstrafe irrelevant sei, Gott wolle nur nicht, dass Menschen Selbstbewusstsein bekommen und dass sie wie Gott sein werden.

Der Mensch missbraucht seine ihm geschenkte Freiheit – und die Folgen:

Er schämt sich seiner Nacktheit,

er nimmt die Verantwortung nicht auf sich sondern schiebt sie ab (Adam: Eva war es, Eva: die Schlange war es),

der Mensch verliert sein paradiesisches Unbewusstsein,

die Frau wird Schmerzen haben bei der Geburt und der Mann Mühsal, um seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften,

die Frau wird dem Mann untergeordnet sein – dennoch nach ihm verlangen (Rollenverteilung in der Gesellschaft),

der Mensch wird sterben, der Gottesatem wird ihm genommen, er wird wieder Erde.

Aber Gott lässt den Menschen nicht allein, sondern er versorgt ihn mit Kleidung – aus Fell.

Der Mensch, der nicht mehr im Paradies lebt, wird gewalttätig – und er versucht äußerst frech, seine Schuld zu leugnen ("Soll ich meines Bruders Hüter sein?")

 

 

D) Was erklärt der Mythos unter anderem?

 

Woher kommt es, dass Materie lebt?

Wie kommt es, dass es Menschen, Tiere, Pflanzen gibt?

Warum gibt es Mann und Frau?

Warum gibt es den Tod, obwohl doch alles so gut war?

Wir Menschen sind besonders – warum?

Wie kommt es, dass wir anders als Tiere ein Selbstbewusstsein haben, Entscheidungsfreiheit, Verantwortung?

Warum muss die Frau Schmerzen bei der Geburt erleiden, warum muss der Mann schuften?

Er zeigt auf, dass der Mensch andere beschuldigt, dass er das Bestreben hat, wie Gott zu werden.

Er zeigt auf, dass der Mensch über seine gewalttätigen Triebe herrschen soll – es aber nicht tut.

Warum wird der Mensch gewalttätig? Aus Neid, weil er nicht die Anerkennung bekommt, die er fordert.

 

 

E) Dieser Mythos aus Genesis 1 und der aus Genesis 2 haben unsere Kultur sehr geprägt:

 

Wissenschaft: Das Lehrgedicht Genesis 1 kommt vollkommen ohne Götter aus. Während das heidnische Umfeld zum Beispiel in den Gestirnen Götter sah, spricht das Lehrgedicht von Lampen für den Tag und für die Nacht, die Gott an den Himmel gesetzt hat. Natur wird entgöttert. Das bedeutet: Der Mensch kann alles als Objekte ansehen – und damit auch wissenschaftlich angehen. Nicht umsonst ist der Westen gerade in wissenschaftlicher Hinsicht so dominant geworden. Der Mensch ist befugt, alles zu beherrschen im oben genannten Sinne. Dass die Moderne das verändert hat – und Herrschaft rigide gegen die Schöpfung durchgesetzt hat, liegt nicht am Text, sondern daran, dass der Mensch ihn anders interpretieren wollte – die Tiere sind seine Gehilfen, nicht seine Sklaven.

 

Menschenrechte: Dass alle Menschen gleiche Würde haben, das findet in diesem Text seinen Ursprung – und zwar mit der Letztbegründung: Alle haben gleiche Würde, Mann wie Frau und alle Menschen, weil Gott sie als sein Ebenbild geschaffen hat – nicht nur die Herrscher. Mit der Würde sind auch Freiheit und Verantwortung gegeben.

 

Sabbat: Der Mensch bekommt einen Ruhetag – wenn er das vergisst, muss er sich nicht – im modernen Sinn gesagt, über Burn-Out und wirtschaftliche Ausbeutung beklagen.

 

Rolle Mann-Frau: Dass der Mythos an dieser Stelle aus heutiger Sicht negativ gewirkt hat, ist auch deutlich: Die Frau ist Schuld, dass das Paradies nicht mehr zugänglich ist – und damit verbunden ist eine Degradierung der Frau durch die Jahrhunderte gegeben. Gleichzeitig müsste eigentlich der Frau die positive Rolle zukommen: Sie hat für die Selbstbestimmung und Emanzipation des Menschen gesorgt. Aber die Betonung dieser erstgenannten „Schuld“ passte in das Schema des Patriarchats – und diese paradiesische Aussage, dass der Mensch als Mann und Frau erst das sind, was sie glücklich macht, wurde übergangen.