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Schamkultur und Schuldkultur

 

Die Unterscheidung zwischen Schamkultur und Schuldkultur ist zwar umstritten, aber dennoch hat sie etwas, das so manches erklärt. Der Nahe Osten bis hin nach China/Japan vertritt die Schamkultur: Menschen schämen sich, wenn ihr Tun von der Gesellschaft nicht gedeckt wird und entdeckt wird. Die christliche – vor allem neutestamentlich-protestantische Schuldkultur betont das Gewissen, betont die Verantwortlichkeit des Menschen und dass er selbst seine Schuld entdeckt, wenn er etwas getan hat, das Gottes Willen nicht entspricht.

Aus jüdisch-christlicher Perspektive müssen wir von Schuld sprechen.  Menschen sind schuldig geworden, weil sie sich an anderen gegen Gottes Willen vergangen haben. Jeder erkennt seine eigene Schuld. Wenn aus östlicher Perspektive von schlimmen Vergehen der Menschen gesprochen wird, dann tritt die Scham in den Vordergrund: Die Gesellschaft akzeptiert eine Handlung nicht, diejenigen, die sich vergangen haben, sollen sich schämen und die Konsequenzen ziehen. Das innere Gericht (Schuldkultur) – das äußere gesellschaftliche Missbilligen (Schamkultur). In der Schuldkultur tut man etwas nicht, weil man sich innerlich zur Rechenschaft zieht – in der Schamkultur tut man etwas nicht, weil man Angst hat, es könnte von den anderen entdeckt werden – oder man tut etwas, weil man davon ausgeht, dass man nicht entdeckt wird, bei der Schuldkultur würde man das nicht tun, weil der innere bzw. göttliche Richter immer anwesend ist. In der Schuldkultur ist man Knecht seines Gewissens/Gottes – in der Schamkultur ist man Knecht der Gesellschaft/Gemeinschaft. In der Schuldkultur kann man gegen das Schuldigwerden der Gesellschaft angehen – in der Schamkultur nicht, weil man die als Richterin anerkannte Gesellschaft nicht kritisiert.

 

Wenn man sich über das, was Menschen einander antun können, für die Menschen schämt, schämt man sich über das Tun anderer – bei der Schuld merkt man, dass schlimmes Tun auch in uns selbst steckt, wenn wir denn uns nicht nach Gottes liebenden Willen für alle Menschen ausrichten.

 

 

Wie eingangs gesagt: Eine strikte Trennung ist umstritten – aber ich denke, diese Erkenntnis hat etwas Erhellendes, das vor allem auch mit Blick auf die Auseinandersetzung des Islam und der chinesischen Regierung mit dem Christentum. Schuldkultur ist mit der Bedeutung des Individuums verbunden – Schamkultur wird sauer, wenn das Individuum seinen eigenen Kopf behält und gar sagt: Die Gesellschaft, das Kollektiv, die Ummah, die Gemeinde tut Unrecht.

 

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Es sieht so aus, als habe sich die Schuldkultur in Europa erst im Mittelalter herausgebildet, als im 13. Jahrhundert die Beichte in der Kirche wichtig wurde. Denn durch die Beichte erkannte jeder Mensch: Nicht das, was von Außen kommt ist böse, sondern in mir selbst steckt das Böse. Das ist zwar schon 1200 Jahre vorher von Jesus so ausgesprochen worden, wurde aber erst sehr spät bewusst. Und dieser Ansatz wurde dann Grundlage der Schuldkultur in Mitteleuropa.

In der Neuzeit wurde diese Selbsterkundung durch die Pietisten wieder weit verbreitet: Der Mensch muss sein Tun kontrollieren, muss es mit den Vorgaben der Bibel abstimmen, damit er ein Gott gemäßes Leben führen kann. Während die Beichte von Priestern abgenommen wurde, findet die Selbsterkundung der Pietisten allein zwischen dem Glaubenden und Gott statt.

Der Unterschied ist immens: Ich verhalte mich nicht gut, weil ich einem Priester beichten muss, sondern weil ich vor Gott selbst stehe.

 

Auch das Erkennen eigener Schuld muss gelernt werden.