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Das Menschenbild des Alten und Neuen Testaments

 

Altes Testament

 

Genesis / 1. Buch Mose Kapitel 1 und 2:

 

Der Mensch ist von Gott gewollt, geschaffen worden. Er ist Ebenbild Gottes: Gott spricht den Menschen an - und der Mensch spricht und lebt im Auftrag Gottes. Der Geist/Atem Gottes erschafft alles und füllt den Menschen, macht ihn, der aus Materie besteht, zu einem lebendigen Wesen.

 

Genesis 3 und 4 und Römerbrief Kapitel 7 (NT):

 

Gott hat den Menschen von Anfang an zu einem Wesen erschaffen, das frei ist, in Freiheit Gottes Willen tun kann. Doch der Mensch nutzt seine Freiheit, sich gegen Gottes Willen zu wenden. Damit trennt er sich von Gott - das wird Sünde genannt. Die Sünde führt zu Aggressivität untereinander, zum Tod.

Der Mensch ist selbst- und fremdbestimmt (Römer 7). Der Mensch erkennt seine Mängel (Genesis 2), leidet darunter (Römer 7). Er ist ein sich selbst entfremdetes Wesen, das treibt ihn an, er ist lernfähig.

 

Genesis 9ff. - und andere alttestamentliche Schriften:

 

Gott wendet sich dem Volk Israel zu. Er befreit es und wird es befreien. Gott bietet Gemeinschaft und fordert Gemeinschaft. Gott gibt Gebote, die dem Menschen helfen sollen, gut mit Gott und untereinander auszukommen. Er sendet Propheten, die Übertritt gegen die Gebote ahnden, fordern, sie zu befolgen. Es geht also um: Ethik.

 

 

Neues Testament:

 

Gott sendet Jesus Christus. Er ist Ebenbild Gottes (1. Korintherbrief 4,4), das heißt, dass an ihm sichtbar wird, wie der Mensch nach Gottes Willen sein soll: Gott ist im Nächsten, darum ist dem Nächsten zu helfen (Matthäusevangelium 25). Der Mensch soll durch den Geist Gottes der werden, zu dem Gott ihn geschaffen hat. Jesus richtet sich an das Individuum: Erneuere dein Leben, damit betont er den einzelnen Menschen, das Individuum. Und das erneuerte, gute Tun des Individuums hat Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Durch das gewaltsame Sterben Jesu - seine Hinrichtung durch Menschen - trägt er den Zorn, die Sünde, des Menschen gegen Gott - und der Mensch erkennt Gottes Liebe, weil er den Menschen trotz seines Zornes gegen Gott nicht vernichtet. Gleichzeitig erkennt der Mensch in Jesu Sterben und Tod ein Opfer, das der Mensch Gott bringt - damit werden tiefe archaische Schichten im Menschen angesprochen: Gott benötigt deine Opfer zur Versöhnung nicht mehr. Jesus ist das Opfer, das Gott gewollt und angenommen hat.

Damit bekommt der Mensch Vergebung - er wird nicht an seine Vergangenheit gefesselt - und wird eingeladen, als Teilhaber der vollkommenen Welt Gottes (Reich Gottes, Herrschaft Gottes, Paradies) zu leben. Und damit schließt sich der Kreis zu Genesis 1.

 

Aufgaben:

In vielen Bereichen der Philosophischen Anthropologie werden einzelne Aussagen der Bibel säkularisiert entfaltet. Es mag unbewusst sein, aber dadurch, dass die Philosophen in der christlichen Kultur stehen, ist die Vermutung nicht ganz von der Hand zu weisen, dass sie biblische Traditionen aufgreifen und säkularisieren, das heißt: ohne Gott verstehen wollen:

Der Mensch = Sünder (jüdisch-christlich) = Mängelwesen (säkularisiert).

Der Mensch wird durch den Geist Gottes zum Menschen (jüdisch-christlich) - er unterscheidet sich vom Tier durch den Geist (säkularisiert).

Erkennst Du weitere jüdisch-christliche und andere traditionelle Aussagen, die säkularisiert wurden?

 

 

 

Der Mensch ist Ebenbild Gottes

 

 

„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde,

zum Bilde Gottes schuf er ihn;

und schuf sie als Mann und Frau.“ (Genesis 1,27)

 

Dieser Satz aus Genesis 1 wird unterschiedlich interpretiert:

 

1) Metaphysisch: Der Mensch hat Anteil an Gott (Gnosis: Göttliches in sich; Nicht-Gnostisch: Der Geist Gottes wirkt in allen Menschen). Die Würde des Menschen ist dadurch gegeben, dass jeder von Gottes Lebens-Geist / Lebens-Atem / Lebens-Hauch beseelt wird; umfassender: der Mensch als Einheit von Körper und Geist ist Geschöpf, Bild Gottes.

 

2) Ethisch: Dem Menschen wurde geschenkt, wie Gott zu handeln: in Liebe, schöpferisch-künstlerisch, frei, verantwortlich, kommunikativ, bewusst, bewahrend – aus der Nähe/Gemeinschaft zu Gott heraus.

 

3) Historisch: Der Mensch wird beauftragt, in die Natur einzugreifen, wie der altorientalische König verantwortlich zu herrschen…

 

4) Christologisch: Jesus Christus ist Ebenbild Gottes, somit Maßstab unseres Verhaltens als Ebenbilder Gottes. Der Mensch ist als Sünder verzerrtes Ebenbild.

 

5) Sozial: Der Mensch verhält sich als Ebenbild Gottes, indem er Gott und dem Nächsten zugewandt ist, sich ihnen gegenüber liebend verhält.

 

6) Der Mensch als Gattung wird als Ebenbild angesehen, als Geistträger – die Betonung der Menschenwürde auch des Individuums in seiner Krankheit, seinem Tod ist von Jesus Christus geprägt worden.

 

7) Es ist die Rede von dem Menschen: Diese Aussage gilt für jeden Menschen – ohne Ausnahme. Die Ebenbildlichkeit Gottes gilt im alten Orient dem Herrscher – in Genesis wird dagegen gesagt: Jeder Mensch wurde von Gott zum Herrscher erhoben.

 

8) Die Schöpfungsgeschichten lassen erkennen, welches Menschenbild dahinter steht. Im Babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch wird gesagt: Der Mensch = Sklave der Götter. Genesis sagt dagegen: Der Mensch = Ebenbild Gottes zum Herrschen (dazu gehört auch: Bewahren) bestimmt.

 

9) Es stellt sich die Frage: Wenn der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde: Wer ist Gott – wie ist Gott? Kann man vom Menschen auf Gott schließen? Antwort: Die Bibel sagt, wer Gott ist – letztlich sehen wir das an Jesus Christus - und nicht am Menschen schlechthin.

 

10) Wer sich selbst und den anderen Menschen als Ebenbild Gottes ansieht, geht anders mit sich und anderen um.

 

11) Der Mensch ist relationales Ebenbild: der Mensch ist Ebenbild Gottes, nicht, weil er einen Auftrag ausführen kann usw. sondern weil er von Gott angesprochen wird. Dieser Aspekt ist mit Blick auf Menschen wichtig, die aus gesundheitlichen Gründen usw. nicht handeln können. Auch sie sind Ebenbild Gottes.

 

Wenn der Mensch Ebenbild Gottes ist, ohne Einschränkung jeder Mensch gleiche Würde hat, dann hat das Folgen für das Verhalten: kein Mensch darf erniedrigt werden, kein Mensch darf aus welchen Gründen auch immer (Abtreibung, Todesstrafe) getötet werden, keiner darf verachtet, übergangen werden. Soziale Gerechtigkeit ist herzustellen. Diese Sicht ist freilich auch von Jesus Christus her bestätigt worden. Wie sich Jesus den Menschen zugewendet hat - ohne Ausnahme - so ist der Glaubende in der Nachfolge Jesu angehalten, sich entsprechend zu verhalten.

Von hier aus gesehen steht auch die Kultur des Lebens im Vordergrund christlichen Strebens: http://evangelische-religion.de/kultur-des-lebens.html

 

 

 

Weitere Überlegungen:

 

  • Warum kann der Mensch lieben? Weil er die Liebe von Gott dem Schöpfer mitbekommen hat. Warum hat er Sehnsucht nach Gerechtigkeit? Weil er das Gefühl für Gerechtigkeit von Gott dem Schöpfer mitbekommen hat. Warum ist der Mensch fähig, bewusst zu leiden?  (dazu s. Gottesbeweise Punkt 5.)
  • Warum erfährt der Mensch sich als Ich? Weil die Mutter / der Vater auf es liebevoll mit Du reagiert, merkt das Baby, dass es ein Ich ist. Und wie merkten Menschen - als Gattung - überhaupt, dass sie ein Ich sind? Weil sie von Gott angesprochen wurden.
  • Warum ist der Mensch - wie man sagt - schöpferisch tätig, obgleich Kunst normalerweise nicht zur Ernährung und zum Überleben beiträgt? Warum sieht der Mensch vieles als schön an, ist empfänglich für Schönheit - obgleich es ihm keinen Nutzen bringt? Weil er Ebenbild Gottes ist.
  • Warum redet der Mensch? Er wurde entsprechend körperlich gestaltet, um auf die Anrede Gottes reagieren zu können.
  • Warum kann der Mensch bewusst leiden? ( http://evangelische-religion.de/theodizeeleiden.html : Punkt 6.)

Die christliche Anthropologie sieht den Menschen als ein ganz besonderes Wesen an, weil er als Ebenbild Gottes Wesens-Elemente besitzt, die Gott ihm geschenkt hat - und er mit ihnen verantwortlich umgehen könnte.